Frank Sinatra - ein Theaterabend in Cottbus, August 2009

Heute war ich mit meinen P&M zum Theaterabend in Cottbus. "My Way" hieß das Stück und handelte vom Leben Frank Sinatras. Ich dachte erst, dass es ein Frank Sinatra Revival Konzert sein wird, aber dem war nicht ganz so. Es war ein Musical-das kündigte eine Broschüre an, in der auch geschrieben stand, dass Frank privat genau das Gegenteil seiner gefühlvollen, wie aus dem Herzen kommenden, gesungenen Lieder war. Ich durfte also gespannt sein.

Die Lokation war die Theaternative C in Cottbus. dort, auf einem Hinterhof in einem relativ kleinem Raum fanden wir uns ein und besetzten die ersten drei Stühle der hintersten Reihe. Eine gute Wahl wie sich alsbald herausstellen sollte. Denn trotz angekündigter freier Platzwahl, haben manche reserviert und so ging ein wildes Plätze suchen los, dass allgemein mit Unmut aufgefasst wurde. Schließlich war ja nur Platz für ca. 60 Leute. Vor uns nahm eine Familie mit zwei Töchtern Platz. Nennen wir sie die Müllers. Herr Müller, ca. Ende 30, Anfang 40, groß, untersetzt, schwarzes Haar, blau/weiß kariertes Hemd, beigefarbene Hose mit braunem Gürtel saß vor mir und nahm mir ein gutes Stück Sicht weg. Obwohl die Spots noch aus, die Türen geöffnet waren und das Stück noch nicht begonnen hatte, kullerten schon fleißig Schweißtropfen seine glattrasierte Wange hinunter. Sie taten das ganz ungeniert und ungestört, denn Herr Müller zückte kein Taschentuch um sie wegzuwischen. Frau Müller war zweieinhalb Köpfe kleiner als Herr Müller, beleibt, keine Schönheit vorm Herrn und steckte in einem schwarzen Kleid mit blaßgoldenen Kringeln. Die beiden Mädels-so ca. 12,13 Jahre alt, saßen zwischen ihren Eltern und waren in rosa gekleidet, die ältere dabei ganz im Stile der Frau Mama.

Es füllte sich und schließlich klopfte ein Theatrist in Jeansjacke und Stoppelfrisur mit einem Metallstift dreimal gegen eine Glocke, die hell läutete. Dabei störte ihn offensichtlich das Schlüsselband am Stift, dass er etwas umständlich daran hinderte, sich zwischen Stift und Glocke zu drängeln. Dann gingen die Türen zu, das Licht aus und Herrn Müller liefen gleich zwei Schweißperlen mehr am Ohrläppchen vorbei.

Der Pianist betrat die Bühne und setzte sich links vor der Bühne an sein Instrument, auf dem er sogleich zu spielen begann. Die Bühne beinhaltete einen Laufsteg, der in eine Treppe mündete. Links und rechts des Laufsteges stand jeweils ein Tisch mit Stuhl und ein paar Jack Daniels Flaschen, die bestimmt mit Schwarztee gefüllt waren, um die Whiskey zu imitieren. Umrahmt wurden die Bretter, die die Welt bedeuten mit goldenen Vorhängen. Hinter der Treppe hing jedoch kontrastierend ein schwarzer. Der Spot ging an und richtete sein Augenmerk auf den schwarzen Vorgang-die Tür quasi. Dann kam Frank, ganz edel in schwarzem Anzug und mit Hut.

Er sang sogleich gekonnt und munter drauf los. Kaum war er fertig und hatte den ersten Applaus eingeheimst, goß er sich zwei Schluck Kinderschnaps ein. Der Pianist bekam auch einen und spielte seitdem die ganze Zeit etwas verwaschen dunkel. Der Zuschauer bemerkt für sich: Das Showbusiness ist Saufbusiness. Dann betrat schon Ava Gardner in einem rassigen Kleid die Bühne, dass vorn bei manchen Damen Bewunderungs-oohs auslöste.

Eine Affäre bahnte sich an und wurde mit allerlei Doppeldeutigkeiten garniert, die später in der Handlung zu Eindeutigkeiten in Wort und Handlung wurden. Da kam ich nicht umhin und mußte an Müllers denken, denen bestimmt wegen ihrer unschuldigen Töchter einen "Eijeijeijeijei!" durch die Gedanken kachelte. Ich habe mir ein Glucksen verkniffen und war froh, dass dafür ein Herr älteren Semesters mit voluminöser, lichter Lockenpracht einsprang, der ganz ungeniert laut prustete und gluckste. Später rief er laut "Bravo, bravo!" und paßte nicht recht in die gediegene Gesellschaft des Publikums. Aber das war ihm offenkundig Wurst.

Die Handlung spann sich fortan um das Leben der beiden. Frankies Fall, ihr Aufstieg, seinen Suff, das Alleinsein, das nicht mehr gewollt werden, die Suche nach dem Mut zum Neuanfang, ihre Ehe, sein Comeback und ihr Niedergang und letztlich die Scheidung. Zwischendurch sang Frank mit wirklich schöner Stimme schöne Lieder, goß sich ständig Kinderwhiskey ins Glas, tickte manchmal aus und war beim nächsten Lied wieder wie verwandelt.

Herr Müller schwitzte weiter und zur Pause war Frank am absoluten Tiefpunkt angekommen. Die zweite Hälfte begann wie im Fernsehen mit der letzten Minute der ersten Hälfte und Frank griff auf Anraten Avas zum Telefon und rief seine alten Kumpels aus finstergeselligen italienischen Kreisen an. Von da an lief es wieder gut und wurde sogar besser. Ava dagegen leistet sich ein erzähltes Schäferstündchen mit Franks Ex-Gattin. Da geht es ja ab, dachte ich mir.
Schließlich bekam Frank einen Oscar und die Ehe mit Ava ging kurz darauf in die Brüche.
Die beiden waren nun wieder mit sich allein und Frank sang zum Abschluß mit ergreifender Stimme "I did it my way". Draußen leuchtete indes der Mond wie eine weiße Rose in der Dunkelheit.

Im off wurde die Geschichte noch rasch zu Ende erzählt: Frank und Ava haben sich im Grunde ihres Herzens nie überwinden können und sahen sich regelmäßig in Franks Bar, wo Ava immer wenn sie eintraf, eine Statue Franks küßte und sagte "Mein Frank".

Der Applaus schwoll an und hielt sich eine gute Weile, so dass die Schauspieler so 5, 6, 7 mal wiederkamen und einmal auch schnell ein leichtes Verebben nutzten, um Applaus zu erheischen. Durch das Klatschen wurde es irgendwie immer wärmer, meine Kehle immer trockener und Herr Müller war sicherlich schon längst dehydriert.
Es war ein schöner Abend.