Lemgo vs Wetzlar, Frühjahr 2009

Feierabend.
Eine gute Freundin fragte mich, ob ich sie zum Handballspiel Lemgo gegen Wetzlar in Wetzlar begleiten würde. Sie ist eingefleischter Handballfan, besonders auch wegen der knackigen Kerle und ich, ja ich, ich dachte:
"Das kannste Dir ja mal angucken. Immerhin haste ja damals,'87, eine Goldmedaillie bekommen im Handballturnier. Und das als absolute Amateurmannschaft, die nur im Sportunterricht Handball spielte, gegen zwei trainierte Crackmannschaften. Gut ich war Ersatztormann und kam nicht zum Einsatz, aber ich war dabei!"

Ich bin also von Arbeit noch schnell nebenan in den Penny gegangen, um Proviant für die Fahrt zu bunkern. Eine Doppelfleischwuarscht, ein Brötchen und eine Flasche Saft. Das muß für die Fahrt reichen. Damit war das Thema essen erledigt und ich verabreichte meinem Ross Kraftstoff mit Benzolstoff und fuhr munter drauf los. Ich bin auch gut durchgekommen und als ich mich im Dunkeln dem Ziel näherte, kramte ich die Karten raus, die ich mir ausgedruckt hatte. Als Verkehrsplaner vertraue ich beinahe blind der deutschen Gründlichkeit der Beschilderung, was einerseits ja auch seine Gründe hat, andererseits aber nicht mit der langen Leitung im Kopp funktionieren tut, manchmal zumindest. So auch diesmal. Erst fuhr ich eine Abfahrt zu zeitig ab (die Abfahrt war auf Google Map nicht bezeichnet), fuhr wieder zurück, dann verpasste ich die richtige, fuhr zum Kreuz Wetzlar bei dem mich die Beschilderung verwirrte, ich aber wußte, dass ich eigentlich abbiegen müßte und dann gurkte ich über Wetzlar Nord irgendwie rum und war plötzlich bei Wetzlar Ost am Ziel. So groß kann Wetzlar also nicht sein.

Dafür war aber die Handballhalle schon von außen imposant anzusehen und daneben stand auch gleich ein Parkhaus. Aber ich hatte 400m davor einen halbwilden, pampigen Parkplatz gesehen der außerdem noch kostenlos war. Also stellte ich das Auto dort ab und lief zur Halle vor. Vor dieser war schon mächtig Betrieb und viele leute begehrten Einlaß. Auf den Türen waren die guten alten ostdeutsche Ampelmännchen aufgeklebt, was mich in mich hinein triumphieren schmunzelnd ließ. Dann kam der Moment, als die Pforten sich öffneten, die mengen hineinströmten, ich mitgerissen wurde und drinnen erstmal in Richtung "um die Ecke" verschwand, da die Wurst von der Fleischwurst drückte.

Die Freundin, mit der ich zum Spiel gehen wollte, kam eine halbe Stunde später (Berufsverkehr en mass) und wir gingen in die Halle, standen erst rum und suchten uns alsbald einen Platz.
Allerlei interessante Leut unter den Spielbesuchern waren in der Halle zu sehen. Besonders die Damen haben sich zumeist fein herausgeputzt. Das Aussehspektrum der Kerle reichte von prollig mit kleinem Kopf bis stämmig mit orangenem Seidenstoffjogginganzug bis normal.
Ich besorgte mir vom Imbißstand eine Brezel und als ich zurückkommendaus lauter Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft einen Ball aus dem Zuschauerschutznetz wieder aufs Spielfeld bugsieren wollte, traf mich hinterrücks ein frisch geworfener Handball, der beim Torwarttestwerfen daneben ging. Das fängt ja gut an, dachte ich mir.

Dann gings los, der Einzug der Wetzlaer wurde pompös inszeniert und jeder mit Namen und Sponsoren (sogar Rechtsanwälte) genannt. Fünf Trommler machten Musike (dam dam damdamdam damdamdamdam damdam) und jede Minute fiel ein Tor. Wetzlar geriet schnell ins Hintertreffen. Rückstand zumeist 2 Punkte. Der Stadionsprecher freute sich bei jedem Tor und ließ die Menge den Nachnamen des Torwerfers grölen. Aber es hat nicht sollen sein, Lemgo ging in Führung und hät einen konstanten Vorsprung von 2 Punkten. Da! Eine tolle Parade vom Wetzlaer Torwart. Das war nochmal gut gegangen.Freudentrommelwirbel, Klatschen überall und quietschende Schuhe auf dem Spielfeld. Dort Handgreiflichkeiten auf dem Feld. Anfangs gab es noch gelbe Karten, nachher gleich 2 Strafminuten.Das Spiel geht weiter. Lemgo ist aggressiver vor dem Tor, Wetzlar trödelt rum, spielt Ping Pong, fällt um. Der Schiedrichter läßt daraufhin und wieder das dort und hier das Spielfeld wienern.

Und was erblicken meine Augen in diesem kurzen Moment, den ich gern zu einer kleinen Ewigkeit ausgebaut hätte: Eine wohlgebaute Maid hüpft Brüste schwingend auf das Spielfeld, wedelt den Mob und ihre Brüste schaukeln meinem gaffenden Mund entgegen. Ich bin entzückt und warte auf ihren nächsten Einsatz, will immerwieder "Wienern!!" schreien. Aber keiner fällt. Ich bin traurig.
Und schon die letzte Minute der ersten Halbzeit. Holla! Die schwingenden Brüste haben meine Fantasie zu lange beschäftigt, Wetzlar hat ja aufgeholt und es steht Gleichstand! Aber Lemgo bekommt 7m. Torwart Krasnovac hat keine Lust, will pullern und läßt den Ball durch. Krass! Schön doof, Lemgo ist wieder vorn.

Das war die erste Halbzeit. Es hat schon seinen Reiz, muß ich sagen. Es gefiel ganz gut.
In der Pause bestürmte eine Horde Kinder, meist Mädels, den Nationalspieler Kraus der wegen Aua auf der Bank sitzen mußte. Die Frauen gehen besonders wegen ihn zum handball, ich hingegen kann mich da schon eher für Wienerin begeistern.
Der Herr neben Krausi mit lockigen grauen Haar war während des Spielverlaufes übrigens sehr emotional in seinem Mitfiebern. Fast alle möglichen menschlichen Mimiken hat er dargeboten. Donnerwetter.

In der zweiten Hälfte (eine dauert 30min und 15min Pause) hat Lemgo die Führung ausgebaut, der Stationsprecher hat auch nicht mehr den Nachnamen der Torwerfwer hören wollen und begnügte sich mit der routinierten Bekanntmachung, wieviel Tore Wetzlar denn schon geworfen hat. Er resignierte merklich. Wetzlar ließ nach. Die Stimmung im Publikum war gereizt, rechts neben mir schallte es "Arschloch!". Dann machte sich auch hier die Hoffnung heimlich von dannen. Lemgo führte deutlich, vermasselte sich durch unnötige Rumtrödelei in den letzten 10s noch das 30. Tor und das Spiel war aus.

Dann gings wieder nach Hause. Ich nach Wiesbaden und sie nach Kassel. Ich kam durch, sie blieb im Stau wegen eines Unfalls stecken und war erst 03:20 zu Hause. Schneeflocken bestürmten mich kurz vor Frankfurt, sie bis zum Ende und dann auch noch Eis!
Mein leiber Herr Gesangsverein - was für ein Handballabend!