Die Blume


Surrend wackelt die mit reichlich Pollen beladene Hummel über eine im saftigen Grün erstrahlende Wiese. In der Nähe döst ein Wald vor sich hin und zur rechten Hand plätschert ein Bach den nächsten Fluß entgegen. Die Wiese ist mit unzähligen bunten Tupfern gesprenkelt, welche sanft mit den Gräsern zur Melodie des Windes tanzen. Diesen Zauber kann sich selbst eine abgebrühte und erfahrene Hummel wie die eben genannte nicht entziehen. Sie fliegt im Einklang mit den Wogen der Gräser mal nach links, mal nach rechts, mal auf und mal ab. Dabei weicht sie geschickt den sehr lebhaften Flugbetrieb über der Wiese und den schwankenden Halmen aus. Obwohl sie nicht gerade ein Ziel zu haben scheint, steuert sie doch geradewegs auf eine Blume zu. Ihre Blüte leuchtet in einem Blau, daß das Azur des Himmels in der Abenddämmerung nicht im Traum daran denkt sich mit ihr messen zu wollen.

Als die Hummel brummend im Tiefflug zur Landung ansetzt, schießt sie kurz vor ihrem anvisierten Ziel in die Höhe, erschreckt dabei alle Pflanzen und Tiere um sich herum und läßt sich über der Blume einfach fallen. Kurz vor dem Aufprall wirft sie die Flügel stotternd an und landet sanft auf der Blume. Einen anerkennendes Staunen entfährt den umlegenen Wiesenbewohnern. Die Hummel hat aber heute nicht viel Zeit, sie fliegt der Zeit sogar hinterher, ohne eine Chance zu entdecken, sie noch einholen zu können. Sie sagt kurz Hallo, sammelt ein paar Pollen ein und schlürft etwas Nektar. Doch der schmeckt heute nicht. Sie sieht sich die Blume etwas genauer an. Tatsächlich! Irgendetwas scheint sie zu bedrücken, zu belasten, zu bewegen. Aber trotzdem die Hummel eigentlich keine Zeit zu verlieren hat, erbarmt sie sich der Blume und erkundigt sich bei ihr Blume nach ihrem Befinden. Die Gefragte ist froh, daß sich jemand um sie sorgt. Sie berichtet flüsternd der Hummel von ihren Schmerz, über ihre einsame Einzigartigkeit. Keine der anderen Blumen, die sich einfach zu schlicht fühlen und von Neid erfüllt sind, möchte ihre Freundin sein. Der Spross neben ihr, aus dem vielleicht mal ein Baum werden wird, ist stumm. Kein Ton läßt sich ihm entlocken, so oft man auch Hallo rufen mag. Die Hummel ist sich unschlüssig, sie weiß nicht so recht, wie sie auf diese geknickte Seele reagieren soll. Versucht sie der Blume Trost zu spenden oder gibt sie ihrem engen Terminplan nach, den sie sowieso kaum noch zu halten vermag? Es ist aber auch wirklich ein zu schöner Tag um trübsinnig zu sein. So krabbelt sie nachdenklich über die Blütenblätter und entschließt sich, morgen wieder vorbeizuschauen. Ein paar Hummelinnen wird sie heute Abend bitten doch morgen mit ihr zu kommen, um die Blume aufzuheitern. Das Sammelgeschäft muß verständlicherweise an einem Tag wie diesen Vorrang haben. Die Hummel berichtet der Blume über ihr Vorhaben, spricht ihr Mut zu, versorgt sie mit beruhigenden Worten, entschuldigt sich und zieht von dannen.

Doch die Last, die auf dem Gemüt der Blume lastet, ist zu groß, um mit gut gemeinten Worten abgeworfen zu werden. Das einzig Erfreuliche an diesem Tag ist für sie, daß sich bei dem Baumsprößling gegenüber die erste, schneeweiße Blüte öffnet. Sie wirkt anfangs etwas unbeholfen, doch im Laufe der letzten Stunden des Tages gewinnt die Blüte schnell an Kraft und Anmut. Vielleicht konnte ihr Nachbar, geht es der Blume durch den Sinn, bislang überhaupt nicht sprechen, da ihm bis heute keine Blüte aufgegangen ist. Sie wirft ein Hallo hinüber, doch gibt der kleine Baum keine Antwort zurück. Sie wird es morgen nocheinmal versuchen, mag sein, daß er dann etwas sagt.

Als die Sonne hinter dem Wald verschwindet, schließen die Blumen der Wiese langsam ihre Köpfe und bereiten sich auf die Nachtruhe vor. Doch unsere Blume kann nicht einschlafen, entsetzlich langsam und widerwillig murrend macht ihre bedrückte Seele der Müdigkeit Platz. Selbst der Dunkelheit der einbrechenden Nacht gelingt es nicht, die Blume zum schlafen zu bewegen.

Die Müdigkeit ringt soeben im zähem Kampf die letzten ihrer wachen Sinne nieder, als unvermittelt der kleine Baum, der ebenfalls nicht einzuschlummern vermag, zu ihr spricht. Erschrocken über die leise Stimme, die wie aus heiterem Himmel kommend die Stille durchstößt, fällt alle Müdigkeit und Trübsinn von ihr. Sie sieht den kleinem Baum erstaunt an, kann nicht glauben, daß er aus heiterem Himmel zu sprechen anfängt, nachdem alle bisherigen Versuche, ihn dazu zu bringen, scheiterten. Der kleine Baum meint, daß sie mit ihrer Vermutung richtig lag. Ohne Blüte ist es ihm nicht vergönnt ein Wort, sei es auch nur das kürzeste, über die Rinde zu bekommen. Er konnte in den Jahren, die er schon auf dieser Wiese zu Hause ist, bis zu diesem schönen Tag nur hören und sehen. Eigentlich hat er es nur Fortuna zu danken, in der Zwischenzeit nicht von Rehen verspeist worden zu sein, die dann und wann aus dem Wald auf die Wiese kommen um zu äsen. Der kleine Baum gesteht ihr, daß er schon die ganze Zeit ihrer Sorgen gewahr wurde. Auch ihre Hallos vernahm er, doch wie hätte er antworten können? Sehnte sich nicht auch er nach einem Gewächs, dem er sich anvertrauen konnte? Als einziger Baum auf der weiten Wiese, ist er zu weit entfernt von den Bäumen im Wald, um ihnen etwas zurufen zu können. Doch wegen der Stimmfetzen, die manchmal bis zu ihm herüber geflogen kamen, möchte er andererseits den Kontakt zu den Waldbäumen meiden. Zu grobschlächtig erscheinen sie ihm. Die Blume kennt dieses Problem, daß sie in ähnlicherweise mit den anderen Wiesenblumen hat und obwohl der junge Baum ihre Geschichte schon kennt, lauscht er geduldig ihren Worten.
Sie reden noch lange über alle möglichen Dinge: von Sonne und Mond, von Licht und Dunkelheit, von Wolken und Wind, von Regen und Trockenheit, von fetten und magernen Boden, von Bienen und Hummeln, von lieben und hassen, von Leben und Tod. Oh, welch wohltuenden Seelenverwandtschaft!

Erst kurz vor dem anmutigen Sonnenaufgang, der einen noch schöneren Tag verspricht, fallen den beiden mittem im Gespräch die Augen zu und sie schlafen erleichert ein.

Schwerbeladen steuert die Hummel am nächsten Tag die Wiese an. Der Sonnenaufgang hat sein Versprechen noch übertroffen, denn der Tag ist tatsächlich noch wundervoller als der vorangegangene. Sie konnte sechs ihrer Kolleginnen, Spezialisten in der Kunst des Aufmunterns, überreden, der Blume einen Besuch abzustatten. Schon von weitem lädt sie das schwankene Meer der Gräser und Blumen ein. Sie nehmen mit Vollgas direkten Kurs auf die Blume, tanzen beschwingt mit den Blumen und Gräsern mal nach links, mal nach rechts, mal auf und mal ab. Doch irgendwas ist anders an diesem unerhört schönen Tag. Während sie über die Wiese sausen, stellen sie fest, daß manche Pflanzen kein Wort miteinander reden, andere wiederum heftig diskutieren. Doch die Hummeln haben keine Zeit und nicht die Muße anzuhalten und nachzufragen, denn ihr Ziel ist die bedrückte Seele vom vorherigen Tag.

Der Platz um die Blume ist besonders erfüllt von hitzigen Gesprächen. Die Blume selbst ist still, von ihr ist nur noch ein abgebissener Stengel übrig, der grotesk in den Himmel ragt. Die Hummeln setzen sich niedergeschlagen auf dem kleinen Baum, den offenbar die Rehe die einzige Blüte abgeknabbert haben. Den Rehen aus dem Wald, so können sie den Debatten der Nachbarblumen entnehmen, ist heute kurz nach Sonnenaufgang auch die Blume zum Opfer gefallen. Betrübt raffen sich die Hummeln wieder auf und ziehen schweigend von dannen.