Draco


Das Leuchten der Abenddämmerung taucht das Azur des Himmels in einen tiefen Farbtopf, in dem sich die anmutigsten Orangefarben tummeln. Sie planschen vergnügt in und mit sich herum und freuen sich auf den neuen Spielkameraden Azur. Sie sind geradezu verrückt danach, um die Wette Wellen, Strudel und Brecher zu erzeugen. Dem jedoch widmen sie sich mit einer solchen Innbrunst, daß sie auf dem besten Wege sind, das Azur zu ertränken. Fast jeden Abend muß es in diesen Tagen tief luftholend mit den Orangetönen spielen. Es fürchtet sich mittlerweile schon davor, die Sonne hinter dem Horizont verschwinden zu sehen. Das zarte Blau des Himmels ist in solchen Situationen heilfroh, daß es nicht vollständig untergemischt wird und daß das Schwarz der Nacht der Planscherei ein baldiges Ende setzt. Dann endlich kann es sich vom Orange abtrocknen und hoffen, daß der kommende Morgen nicht so schlimm wie der Abend wird. Die Luft ist klar, keine Wolke zieht auf ihrem rastlosem Weg über den Himmel. Ich sitze der Aufführung zuschauend am Fenster, der Tiger erwacht im Hintergrund aus seiner Meditation und singt "It's Not Unusal". Nebenbei verspeise ich mein Abendbrot und komme zum Entschluß, daß es heute wieder mal seit langem Zeit wird, Sterne gucken zu gehen. Aber ich habe noch etwas Zeit. Ich gebe dem Tiger seinem Kirschsaft, den er so liebendgern schlabbert. Denn heute war ein schöner Tag und er hat mal nicht an des Nachbars Tür gekratzt, in der Hoffnung, sich an den dort gehorteten Chinchillas verköstigen zu können. Immer wenn ich ihn deshalb auf die Tatzen hauen muss, stimmt er swingend "I'm Not Responsible" an, um sich einschleimend zu entschuldigen. Ach, ich bin immer wieder froh einen singenden Tiger im Haus zu haben.

Mittlerweile ist es draußen dunkel genug, um aufzubrechen. Ich krame meine blaue Decke aus dem Schrank, die bestimmt schon so alt ist wie ich selbst. ‚Noch halten wir uns beide recht gut', denke ich, als ich die Decke in den Händen halte und über den Tiger lege. Die restliche Sternguckausrüstung, die aus zwei Stern-kartenbüchern, einer roten Lampe, zusätzlichen Okularen und einer Keksschachtel besteht, ist schnell in einem Beutel verstaut. Dann noch fix das Teleskop geschultert, den Hocker in die anderen Hand genommen und es kann losgehen. Meine Sternenguckwiese ist nicht allzu weit von zu Haus entfernt, es nimmt zumeist nur eine viertel Stunde in Anspruch, um bis zu ihr zu gelangen. In diesen 15 Minuten aber steigt die Freude auf den Genuß des Anblicks der Unendlichkeit ständig an.

Auf der Wiese angekommen, stelle ich das Teleskop auf und den Hocker davor, breite die Decke aus, auf der es sich der Tiger sogleich gemütlich macht. Mit dem Teleskop nehme ich Jupiter und Saturn ins Visier, schaue, wie es den beiden geht. Der Tiger darf natürlich auch einen Blick durch die Linsen werfen, doch als ich den Mars anpeile schreckt der Tiger auf, macht sich ganz klein. Ich hätte ihn nie zu "Mars Attacks!" ins Kino mitnehmen sollen.

So lasse ich lieber vom Teleskop ab und mich auf der Decke nieder. Mein Blick schweift über die Sterne und Sternbilder, Nebel, Galaxien und Sternhaufen. Welteninseln, so unglaublich fern, so unglaublich alt, so unglaublich schön.

Während ich meinen Blick auf Draco werfe, den Drachen, er die goldenen Äpfel der Hesperiden bewacht, gehe ich in Gedanken seine Sterne mit Namen durch. Ich bin eben über Ettanin, Alrakis, Rastaban und Grumium bei Al Tais angelangt, als sich, Ewigkeiten ist es her, aus den Sternen Ladon, eben dieser Drache, materialisiert. Er klopft sich den Staub der Äonen von den Schultern, der sich als zarte Wolken über das Firmament ausbreitet. Ladon läßt sich neben mir nieder. Leider ist meine Decke für uns beide zu klein, doch hat er, wie ich erleichtert feststelle, seine eigene Isomatte, die dunkelblaue mit dem Bild des gekreuzigten Hercules, mitgebracht.
"He Ladon, altes Haus! Sieht man dich auch mal wieder." begrüße ich ihn.
"Na Bär, alte Kartäuserntulpe! Du läßt dich aber auch immer seltener hier blicken." Entgegnet er mit sanft brummender Stimme, klopft mir freundschaftlich auf die Schulter, rückt seine Isomatte zurecht und setzt sich mit einem kräftigen Altherrenstöhnen neben mir hin. Er hat recht. Früher war ich viel öfter hier, sah den Sternen zu, fand durch sie Entspannung. Ich sollte mir wieder mehr die Zeit dazu einfach nehmen.

Ladon, der ungefähr so groß ist, wie zwei Tyrannosaurus rex übereinandergestapelt, jedoch ganz und gar nicht doppelt so schrecklich aussieht, nimmt den Tiger in seine Arme und krault ihm den Nacken, daß dieser genüßlich schnurrt.

"Möchtest Du einen Keks?" frage ich und halte ihm die Keks-schachtel hin. Er puhlt sich einen heraus, was bei seinen großen Händen und Krallen ausgesprochen schwierig ist. ‚Du hättest ihm auch einen hinhalten können. Dann würde er nicht fast alle restlichen Kekse zerkrümeln' denke ich. Ich sehe Ladon an und merke, daß er ihm etwa das gleiche durch den Kopf geht. Er strengt sich an, möglichst wenig andere Kekse zu pulverisieren. Der Tiger bekommt auch einen Keks und ich genehmige mir ebenfalls einen. Ladon knabbert an seinem Keks herum. Ein recht merkwürdiges Verhalten für einen Drachen seiner Größe finde ich. Die Kekse sind nun wirklich nicht so groß, als daß sie nicht mit einem Haps im Munde verschwinden könnten.
‚Das ist zwar nicht die feine englische Art, doch wozu hat man einen großen Mund?' rede ich immer ein. Nachdem ich meinen Keks zerkaut und herunter-geschluckt habe, hat sich meine Begierde auf eine Antwort dieses Problems so verselbständigt, daß ich Ladon frage:
"Sag mal, warum ißt Du den Keks nicht als Ganzes? Wenn er schon in meinen Rachen paßt, dann doch erst recht in Deinen!."
"Wie Du meinst." antwortet er mit einem Schulterzucken.
Ladon wirft locker seinen Keks aus dem Handgelenk nach oben. Kurz bevor sich der Keks in Kopfhöhe und damit in Zuschnapp-reichweite befindet, reißt er seinen Maul auf und spuckt einem Flammenwerfer gleich eine unerhört große Ladung Feuer aus, die den Keks sofort erfaßt und ihn gar häßlich entstellt. Ein Stück Kohle, das etwas von einem angeknabberten Keks hat, fällt vor mir auf die Erde nieder. Verdutzt starre ich zuerst den ehemaligen Keks, dann den unschuldig dreinblickenden feuerspeienden Drachen an. Als sich mein Blick wieder auf den toten Keks richtet, schüttele ich schmunzelnd den Kopf und muß mir vor Belustigung auf die Schenkel trommeln.
"Nagut - möchtest du noch einen?" frage ich amüsiert.
"Wäre nett." entgegnet er und ich gebe ihm diesmal einen Keks aus der Schachtel.
"Es wäre zu schön um wahr zu sein," sagt Ladon mit einem Seufzer "wenn es diesem Reflex nicht gäbe. Ich kann einfach nicht mehr als anderthalb Zentimeter meinem Mund öffnen, ohne gleich alles vor mir zu versengen."
"Ja, das ist doof" bestätige ich verständnisvoll und nehme mir seine Worte sehr zu Herzen. Wir kommen ins Gespräch, reden über dies, das und natürlich über Dinosaurier. Ladon ist als ein entfernter Verwandter derer, ein Spezialist auf diesem Gebiet; von ihm habe ich so manches gelernt. Mitten in einer Diskussion über die Gefahren eines amoklaufenden Apatosaurus ajax in Wüstengebieten mit geringer Kaktus-tele-fondichte materialisieren sich Kallisto, die große Bärin, ihre Zofe, die kleine Bärin und die goldene Leier des Orpheus. Der Tiger ist über das Erscheinen der letzteren besonders entzückt. Er springt aus Ladons Händen und stimmt mit der Leier "Help Yourself" an. Angezogen und beschwingt von diesen Klängen kommen mehr und mehr Sternbilder hernieder. Aquarius bringt Nektar und Ambrosia, Demeter Trauben, Alpfel-sinen und Spreewaldgurken, und so weiter und so fort. Es wird ein richtig netter, heiterer Abend, der bis kurz vor der Dämmerung andauert. Schließlich müssen selbst Sternbilder einmal schlafen.