Die verzauberte Elfenblume


Es begab sich eines siebenten Sonntages im siebenten Monat im Lande zwischen den sieben Seen und Bergen, Hügelketten und Flüssen, Wäldern und Wiesen, Dörfern und Städten in einem siebenten Jahr als sieben graublaue Wolken auf ihrer großen Wanderung den Himmel siebenfach durchkreuzten.
Die Sonnenstrahlen schienen zwischen den malerischen sieben Wolken auf das weite Land und zauberten wandernde Lichter. Auf den Wiesen wuchsen Elfenblumen mit sonnengelben Narben, so groß wie Sonnenblumenköpfe und mit großen violetten Blütenblättern. Ihr Stiel jedoch war nicht länger als der einer Rose. Die Elfenblumen waren ganz vernarrt in die Wanderlichter. Was Mousseschokolade für Elfen bedeutete, waren diese wandernden Sonnenstrahlen für die Blumen. Und wenn im Elfenlande der Sommerputz anstand und all die Teppiche, Gardienen und Laken kräftig ausgeschüttelt wurden, wirbelte allerlei Staub durch die Luft, sodaß sich an manchen Tagen ein ganz besonders schönes Licht über das Land legte. Wie glücklich waren dann die Elfenblumen.
Es war einer dieser Abende, mit einem dieser wundersamen Sonnenuntergänge bei dem die Wolken zu glühen scheinen. Eine Elfe kehrte soeben von ihrem Wolkenspaziergang auf einem der letzten Sonnenstrahlen auf die Erde zurück. Mit einem lauten Jucksen sprang die Elfe vom Lichtstrahl hinunter auf eine saftige grüne Wiese, die sich mit vielen Elfenblumen schmückte. Als der Sonnenstrahl den Boden berührte und das Licht über das Gras wie eine farbenprächtige Welle hinwegfloß, wurde es von den Elfenblumen genußvoll aufgesaugt. Die Elfe klopfte sich den glitzernden Wolkenstaub von den wehenden Kleidern, atmete tief die duftende Luft ein, als sie unvermittelt ein Stimme vernahm.
"Hallo schöne Elfe!"
Sie drehte sich zur Stimme um. Aber alles was sie sah, waren die im letzten Sonnenlicht orange leuchtenden Bäume des nahen Waldes und die Wiese mit all den Elfenblumen. In der Ferne vernahm sie den Ruf des Elfkauzes und zwischen den Zweigen eines Baumes konnte sie ein Rascheln erkennen. Ein Elfhörnchen sprang durch das Geäst. Aber die Stimme die sie gehört hatte, kam nicht vom Waldesrand, sie kam ganz aus ihrer Nähe. Die Elfe spähte um sich und ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Dann ein Räuspern.
"Hier unten, Elfe. Hier unten bin ich. Die Blume."
Die Elfe sah sich um und erblickte zwei Schritte links von ihr eine Elfenblume. Sie ging auf die Blume zu, hockte sich nieder und strich sanft mit ihrem zarten Händen über die großen Blütenblätter, die sich bei der Berührung leicht wellten, ganz so, als ob sie es genossen.
"Hallo Blume. Seit wann ist es Dir vergönnt zu sprechen?" fragte die Elfe.
"Seit vorgestern." antwortete die Blume, wobei ihre sonnengelbe Narbe sich zu Lippen formte.
"Wie, seit vorgestern? Bist Du ein verzauberter Elf?" forschte die Elfe nach.
"Nein, das nun leider nicht."
"Aber was bist Du dann? Blumen, Bäume und Tiere können doch nicht sprechen. Vielleicht bist Du ja ein böser Zauberer?!"
Der Elfe wird es langsam unheimlich, denn von diesen griesgrämigen Gesellen gab es genug im Gebirge Golgaga. Hin und wieder kamen sie von den Bergen herunter und stifteten allerlei Unfug im Elfenlande.
"Auch das nicht" sprach die Elfenblume. "Ich bin eine Wolke die aus einem Hexenhäuschen quoll - zwei Tagesreisen mit dem Ostwind entfernt von hier. Die Hexe hatte einen Kessel mit Elfenblumensuppe auf das Feuer gestellt und eine große Prise Buchfetzen hinzugegeben. Dann murmelten ihre eingefallenen Lippen die magische Zauberformel, während sie mit einem Adlerbein die Suppe umrührte: 'Anall natrach, ut waas betat, dochjell die en weh.' Nach der dritten Wiederholung blubberte die Suppe gar fürchterlich. Ich stieg als Dampf auf und kletterte durch den Schornstein aus Krokodilsschuppen. Sobald ich den Schlot verlassen hatte, erfaßte mich mich der Ostwind und trug mich fort."
Die anderen Blumen spürten, was die verzauberte Wolke berichtete und wackelten nervös mit den Köpfen.
"Achso.." sagte die Elfe, unsicher, ob sie die Geschichte glauben soll oder nicht.
"Ja, so hat es sich zugetragen. Ich weiß nicht was die Hexe mit der Suppe anstellen wollte, sie war schon alt und nicht mehr recht bei Sinnen. Vielleicht bereitete sie einfach ihr Essen vor. Schließlich hatte sie nur noch einen krummen Zahn im Mund. Aber ich bin dabei entstanden. Nach zwei Tagen bin ich morgens aufgewacht und wollte mich strecken, doch mußte ich mit Erschrecken feststellen, dass ich über Nacht auf dieser Wiese zur Elfenblume kondensiert bin. Und nun sitze ich hier fest und kann nicht weg. Und das bringt mich zur Verzweiflung. Wenn Du einmal als Wolke frei und nur vom Winde getragen durch die Lüfte schwebst, dann erscheint Dir das Dasein als Elfenblume als Verdammnis. Den anderen Wolken kannst Du nur voller Sehnsucht hinterherblicken, kannst Dich selbst aber kein Stück nicht bewege. Der Wind biegt nur Deinen Stengel, der schwere Kopf pendelt, aber die Wurzeln sind fest. Drum möchte ich Dich bitten, mich auf Deinem nächsten Wolkenspaziergang mitzunehmen. Ich möchte wieder eine Wolke werden."
Gesagt getan. Die Elfe war von der Aufrichtigkeit der verzauberten Blume überzeugt und bei ihrem nächsten Wolkenspaziergang ging die Elfe zur Wiese der verzauberten Wolke, grub die Blume aus und nahm sie mit sich zu den Wolken. Auf dem Weg dorthin löste sich die Blume wieder in eine Wolke auf und trieb der Elfe dankend und glücklich mit dem Ostwind davon. Und wenn sie nicht traurig geworden ist und weinte, so ist sie noch heute bei wunderschönen Sonnenuntergängen zu sehen.