Zwei Krümel


Es begab sich eines schönen Tages in einem ebenso wundersamen Frühling, daß zwei Krümel beschlossen, die Welt zu entdecken. Der eine, Pjotr I., lebte auf einem russischen Zupfkuchen, der andere, genannt Stresemann, wohnhaft gleich nebenan auf einem Streusel-kuchen und beide zusammen auf einem Kuchenteller in einem Kühlschrank, der sich wiederum in einem Haus in irgendeiner Stadt befand.

Den dritten Tag schon verbrachte der Kuchenteller samt Bewohner in der angenehmen, feuchten Kühle der Kältemaschine. Die Menschen weilten mindestens zweimal am Tag in dem Raum, sie nannten ihn Küche, in dem der Kühlschrank stand. Meistens öffneten die Menschen auch den Kühlschrank, entnahmen etwas und stellten es mit weniger Inhalt wieder zurück. Sie unterhielten sich in der Küche oft über etwas, daß sie Gott und die Welt nannten. Manchmal sprachen sie über die Wunder und Gesetzmäßigkeiten der einen, anderntags über die Existenz des anderen, mal über sich und ihre eigene Vergangenheit, mal über etwas namens Dinosaurier. Stresemann und Pjotr I. lauschten voller Neugier den Worten jenseites der Kühlschranktür. Bis spät in die Menschennacht werteten beide das Gehörte aus, da sie sich oft kein klares Bild des übergeordneten Zusammenhangs machen konnten. Schließlich kamen sie zu der Erkenntnis, daß sie sich, wenn sie auf all ihre Fragen eine Erklärung finden wollen, auf Entdeckungsreise begeben müssten. So wie dieser mysteriöse Vaschgo Dagaama mit seinen Segeln, Schiffen und Spanien.

Am Morgen des vierten Tages verkündeten sie ihr Vorhaben den anderen Krümeln. Skeptische Gesichter schauten sie an, aus denen ein verständnisloses Lachen quoll. Schon daran zu denken so etwas zu wagen, sei doch verrückt und lebensmüde obendrein, meinten sie. Ohnehin begannen die anderen Krümel am Geisteszustand der beiden zu zweifeln. Pjotr I. und Stresemann fühlten sich unverstanden und schwiegen für den Rest des Tages. In der Nacht, als die anderen Krümel schliefen, sprach ein Kaffeesahnenkännchen zu den beiden.

"Höret, Pjotr I. und Stresemann, was ich Euch zu berichten habe. Euer Vorhaben ist edel und kann Euer Leben retten. Denn wisset, wenn die Menschen zum Kaffee trinken rufen, dann verspeisen sie zumeist Kuchen dazu. Ich habe schon viele Hilfeschreie von Krümel und Kuchen vernehmen müssen. Schade wär's, auch Euch verschlungen zu sehen. Versucht im rechten Moment vom Kuchenteller herunterzuspringen und Euch unter ihren Tellern zu verstecken. Klammert Euch an der Tischdecke fest und lasst erst wieder los, wenn die Menschen sie kräftig ausschütteln."
"Habt Dank für Euren Rat! Wir werden unser Bestes zu geben versuchen." antwortet Pjotr I. Stresemann pflichtet dem mit einem Wackeln bei.

Am nächsten Morgen öffnete sich routiniert die Tür. Pjotr I. und Stresemann schliefen noch und selbst das einströmende Licht mochte sie nicht zu wecken. Eine Menschenhand näherte sich dem Kuchenteller, hielt jedoch in der Bewegung inne. Eine kleine Ewigkeit verweilte sie in dieser Position, ihre Finger tanzten auf und ab, als ob sie nur auf den Befehl warteten, zugreifen zu dürfen. Aber die Hand schwenkte nach links, griff nach einem Joghurtbecher und zog sich wieder aus dem Kühlschrank zurück. Der Mensch gibt der Tür mit seinem Hinterteil einen Schubs, so daß diese geräuschvoll schloss.

Mit einem Schlag waren alle Krümel wach, blickten verwirrt und verschlafen um sich. Die Tür öffnete sich erneut. Diesmal griff die Menschenhand nach dem Kuchenteller und nahm ihn aus dem Kühlschrank. Ein Gesicht beugte sich über den Kuchen. Die Krümel blickten gespannt auf. Stresemann und Pjotr I. versuchten sich in ihrer Überrumpelung zu fassen, um sich auf die Flucht vorzubereiten. Doch der Mensch begutachtete nur den Kuchen. Wäre der Mensch ein Krümel, so hätte er den zum Zerreißen gespannten Gemütszustand förmlich gerochen .
"Der Kuchen ist noch gut. Den kann man noch essen. Können wir ja heute zum Kaffee vertilgen…" spricht er zähnebleckend und stellt den Kuchenteller zurück in den Kühlschrank. Ein anderer Mensch stimmt dem zu.
"Ich hab die ganze Zeit schon überlegt, ob ich mir was vom russischen Zupfkuchen abschneiden soll.."

Für Pjotr I. und Stresemann war die Gelegenheit zur Erfüllung ihres wagemutigen Vorhabens gekommen, sie sprachen ihr weiteres Vorgehen ab, soweit sie es überhaupt planen konnten. Sie konnten nur hoffen, nicht von einem Menschen entdeckt und verschlungen zu werden. Während die beiden bis zum Kaffee eher wortkarg und gefaßt blieben, schwoll mit der fortgeschrittenen Tageszeit die Lautstärke der hitzigen Gespräche unter den Krümeln an.

Dann endlich war Kaffeezeit. Die Kühlschranktür öffnete sich, eine Hand fuhr hinein, nahm das Kaffeesahnekännchen heraus und schloss die Tür wieder. Kurz darauf öffnete ein Menschen den Kühlschrank erneut, ergriff den Kuchenteller und trug ihn aus der Küche in ein anderes Zimmer. Unter den Krümeln brach Panik aus. Alle versuchten sich irgendwie an ihren Kuchen festzuklammern. Pjotr I. und Stresemann blickten mit offenen Mündern in die kleine Welt der Menschenwohnung. Wie groß erschien sie ihnen doch.

Der Mensch näherte sich einem Tisch, hielt in seiner Bewegung inne und stellte den Teller unsanft ab. Die Krümel versuchten verzweifelt, sich festzuhalten - nur nicht Pjotr I. und Stresemann. Sie wollten vom Kuchenteller fallen und fielen auch herunter. Jedoch konnten sich die meisten Krümel mit Ach und Krach auf ihren heimischen Kuchen halten, andere dagegen, die sich in naiven Leichtsinn übten und sich nicht richtig festhielten, purzelten von ihrem Kuchen. Einer davon war Gilgamesch, der stärkste Krümel auf dem Kuchenteller. Er landete gleich neben Stresemann auf die Tischdecke. Ein Finger eines der Menschen stieß sofort herab, zerquetschte Gilgamesch und führte den zermatschten Körper zum gierigen Schlund. Dann stieß der Finger erneut herab, diesmal auf Stresemann zu
- und verfehlte ihn. Der Mörder wurde vom anderen Mensch gerufen. Er ließ von Stresemann ab und ging in die Küche zurück. Stresemann atmete erleichtert auf.
"Beeilt Euch Stresemann, bevor der Mensch zurück ist!!" rief das Kaffeesahnekännchen besorgt Stresemann zu. Schlagartig schüttelten dessen Sinne die Benommenheit ab, die sich im Angesicht des nahendes Todes durch Zerquetschen auf ihn gelegt hatte. Bis zum rettenden Tellerrand waren es noch etwa zwanzig mittlere Krümeldurchmesser - ein weiter Weg zu einem extrem gefährlichen Zeitpunkt. Jeden Augenblick konnte der Mensch wieder kommen und ihn zerquetschen und auffressen.

Stresemann holte Schwung, indem er vor- und zurückwippte. Beim siebenten Mal gab er sich einen Ruck und rollte vorwärts, vorbei an den kläglichen Überresten des Gilgamesch in Richtung Teller, wo Pjotr I. schon wartete.
Pjotr I. hatte mehr Glück. Er federte vom Aufprall zurück und wurde unter den Tellerrand geschleudert. Er rollte sich ab, raffte sich auf und blickte um sich. Kein Stresemann war unter dem Tellerrand zu sehen.
"Beeilt Euch Stresemann, bevor der Mensch zurück ist!!" hörte er das Kaffeesahnekännchen rufen. Pjotr I. spähte hinaus, vom überstehenden Tellerrand der Sicht nach oben beraubt. Dort drüben hinter Gilgamesch konnte er Stresemann schliesslich ausmachen. Plötzlich stürzte die Fingerspitze eines Menschen herab. Pjotr I. schloß die Augen, hörte einen dumpfen Stoß und einen ersterbenden Schrei. Er brachte es nicht über sein winziges Krümelherz, die Augen zu öffnen um sich Stresemanns Gesundheit zu versichern. Als er sich zutraute, dem unvermeidlichen ins Auge zu blicken, sah er Stresemann direkt auf sich zurollen. Ein Riesenzuckerkristall fiel ihm vom Herzen. Er und das Kaffeesahnekännchen fuerten Stresemann an, der sein bestes gab, möglichste rasch vorwärts zu kommen. Da stieß vor ihm wieder eine Fingerspitze auf ihn herab. Entsetzt taumelt Pjotr I. zurück.
‚Stresemann?! Nein, das darf nicht sein! Alle, nur nicht Stresemann!' Er starrte auf die Tellerunterseite, wagte es nicht in Richtung Stresemanns zu schauen.
"Aaaaaahhhhhh!" schrie es ganz aus der Nähe. Stresemann! Der Mensch hatte ihn wieder verfehlt. Streseman, der nicht mehr als drei Krümelduchmesser vom Tellerand entfernt war, glotzt Pjotr I. mit einem Blick an, als hätte er den Leibhaftigen gesehen. Er schreit seine Angst heraus, mobilisiert alle Kräfte um den Tod zu entrinnen. Mit einem letzten Schwung schaffte er es mit einem Schlag unter den Teller zu rollen. Kaum daß er neben Pjotr I. zum stehen kam, stürzte zum dritten Male ein Finger herab. Wieder ins Leere. Brubbelnd gibt sich der Mensch geschlagen. Er hatt keine Lust den Teller beiseite zu schieben, um Stresemann doch noch zu lequidieren.

Stresemann indes brauchte eine Weile, ehe sich wieder gelbe Farbe auf seinem blassen Streusel-kuchen---Krümelgesicht zeigte. Pjotr I. verkeilte seine fraktale Oberfläche in die von Stresemann. Wenn wieder ein Finger auf sie herniederstürzt, so soll er beide in den Tod reißen. Doch die Menschen interessierten sich nicht weiter für die beiden und räumten schließlich den Tisch ab. Als das Kaffeekännchen weggetragen wurde, rief es, so laut es konnte, den beiden ein ‚Lebt wohl!' zu. Einer der Menschen raffte die Tischdecke zusammen, öffnete das Fenster und schüttelte die Decke aus. Pjotr I. und Stresemann wurden abgeschüttelt und fielen der Erde entgegen - aus der elften Etage. Doch kaum waren sie drei Menschenstandardlängeneinheiten gefallen, erfaßte sie eine Windboe und trug sie hinaus in die weite Welt...

Und wenn sie der Wind nicht losgelassen und kein Vogel, Fledermaus oder Hornisse sie verschlungen hat, so werden sie von ihm noch heute durch die Lüfte getragen. Vielleicht sind sie soeben an Deinem Fenster vorbeigeflogen, wer weiss, wer weiss…
Schau schnell nach!