Oceanus procellarum


- I -

Dort in der Tiefe des Meeres, wo es unten ganz besonders tief ist, stapft ein eigenartig urtümlich aussehendes Wesen, das an eine Mischung aus Garnele, Hummer und Elefant erinnert, über den Schlick des Meeresbodens. Es ist so dunkel, daß dieses Wesen, nennen wir es der Einfachheit wegen Polypedes, daß Polypedes, nicht den Fühler vor den Augen sehen kann. Nur ab und zu schwimmt einer dieser mürrischen Leuchtfische vorbei, mit seinem Licht die Welt um ihn in ein gespenstisches Glimmen tauchend.

Aber irgendwo viel weiter oben, so erzählt man sich hier unten, hört das Wasser plötzlich auf und gleißendes Licht, welches von einem großen runden Leuchtkugelfisch auszugehen scheint, erfüllt den leeren Raum. Polypedes ist der Meinung, daß es eigentlich ein ziemlich unvorstellbares Ding der Unmöglichkeit ist. Auf einen Schlag soll das Wasser aufhören, daß muss das Ende der Welt sein! Die Sache wäre auch so schön einfach, wenn es nicht manchmal untrügliche Anzeichen dafür geben würde, daß es zu allem Überdruss eine Welt hinter dem Ende der Welt gibt. Denn ab und zu fallen komische Dinger von oben herunter. Und immer wenn sie sich dazu entschließen, kreischen, knirschen, ächzen, stöhnen sie dabei. Diese Dinger müssen sich genau auf der Weltengrenze bewegen, denn an ihrer Unterseite kleben Muscheln und andere Meeres-bewohner, die jedoch ab einer bestimmten Linie aufwärts nicht mehr zu finden sind.

Es gibt viele Diskussionen hier unten über diese sonderbaren Gegenstände. Manche, besonders die Einsiedlerkrebse, halten sie für tot, da in ihrem Innern sich zuweilen eigenartige Wesen ohne Kiemen befinden. Zwar sind diese auch tot, wahrscheinlich vertragen sie das Wasser nicht, aber vielleicht brauchen sie gerade deswegen diese eigenartigen Dinger, um heil durch das Wasser zu kommen. Man müsste, so fuhr es Polypedes desöfteren durch den Kopf, irgendwie nach oben gelangen, um die Theorie zu prüfen. Manche Geschichten die er gehört hat, sind jedoch sehr schaurig. Sie werden von jenen erzählt, die behaupten, schon einmal außerhalb der Wasserwelt gewesen zu sein. Den Berichten zufolge kann es passieren, daß man von einem dieser Dinger aus dem Wasser geholt wird und dann elendig ersticken muss. Doch das klingt in Polypedes Ohren zu bizarr, um glaubhaft zu sein.

- II -

An der Grenze der beiden Welten durchwühlen derweil zwei Schrauben das stille Meer, um ein Schiff voranzubringen. Vornweg tummeln sich einige Delphine, die auf der Bugwelle, des Schiffes reiten spielen. Vom Schiff herab betrachten einige Leute gelassen das bunte Treiben der Delphine. Sie scheinen keine Sorgen im Leben zu haben, dachten sie. Den ganzen Tag umherschwimmen, hier und da mal ein Fisch schnabbeln, ein bisschen Wellenreiten spielen, ein wenig springen, tauchen und was es sonst noch alles gibt. Interessanterweise denken die Delphine ungefähr das gleiche von den Menschen. Den ganzen lieben langen Tag stehen sie herum und schauen aufs Wasser. Dann gibt es Tage, an denen sie Unmengen an Fisch aus dem Meer holen, soviel, daß kaum noch welcher im Wasser zu finden ist. Aus dem Bauch des Ungetüms, ohne daß diese Zweibeiner wohl sich nicht auf das weite Wasser wagen, ertönt ein pulsierender Krach, den man soweit hören kann, wie Polypedes es in seinem ganzen Leben nicht erlaufen könnte.

Beharrlich stampft das Schiff voran, die Delphine haben sich schon lange abgewendet, als sich am Horizont die Sonne ins Meer gleiten läßt und vorher noch schnell den Himmel und dessen Wolken verzaubert, sodass sie rot aufleuchten mögen, wenn der glühende Feuerball verschwindet. Die Nacht macht sich auf hereinzubrechen, der Zauber verliert seine Wirkung und die Sterne fangen an mit ihrem Funkeln anzugeben. Ein Sternstaubteilchen, daß viel weiter oben die Erde passiert, schaut gelassen dem wechselnden Farbenspiel zu. Doch langsam aber sicher schieben sich Wolken vor die Sterne, die, enttäuscht darüber, nicht mehr ihren Anmut zur Schau stellen zu können, aus Protest und Enttäuschung ihr Licht löschen. Die Nacht ist nun Schwarz. Der Wind, kurz zuvor noch ein laues Lüftchen, erhebt sich zu einem brausenden Sturm, eigentlich nur, weil er die Wolken wegwehen möchte, um die Sterne wieder sehen zu können. Jedoch erreichte er damit genau das Gegenteil. Er steigert sich aber so hinein, daß er alles um ihn herum vergisst.

- III -

Polypedes wandert in aller Ruhe weiter. Er hat Glück, denn eine recht starke Strömung verschafft ihn etwas "Rückenwind". Sie weht ihm auch genug Plankton zu, daß er als Dessert gerne zu sich nimmt. Hier und da stolpert er über einige Seesterne, die auf dem Boden herumzulungern scheinen, doch in Wahrheit nur unendlich langsam sind. Als er kurz vor einer Senke steht hört er dieses Knacken, Knirschen, Kreischen, Ächzen und Stöhnen. Da hat es wieder einen von diesen dicken Dingern irgendwo erwischt, denkt er und geht weiter. Doch plötzlich hält er inne. 'Augenblick mal!', schießt es ihm durch den Kopf, 'mir ist's als ob dies Geräusch ganz in der Nähe sei!'. Der Lärm schwillt ohrenbetäubend an. Dann kracht etwas kurz vor ihm in die Senke. Das Ding! Der Boden wird aufgewirbelt und Polypedes beinahe darunter verschüttet, wenn er sich nicht andauernd freigraben würde. Die Strömung trägt die Wolke aber rasch hinfort, so das Polypedes sich das Ding aus einer anderen Welt genauer betrachten kann. Da ist erstaunlicherweise noch Licht! Polypedes geht auf die Lichtquelle zu und möchte hineinschauen, doch soviel Licht ist zuviel für seine an die Dunkelheit gewöhnten Augen. Er torkelt geblendet zurück und entschließt sich, ersteinmal woanders seine Untersuchungen zu beginnen. Hinter dem Bullauge, aus dem das Licht in die Finsternis dringt, sieht ein Mensch Polypedes und denkt: 'Was für eine komische Kreatur! Wie eine Mischung aus Garnele, Hummer und Elefant...'. Das Bullauge zerbirst unter dem Druck des Wassers.

 
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