Ein Traum?


Langsam trotten ein paar Wolken, ganz in das herrlichste Blaugrau gehüllt, wie Schafe auf der blauen Weide des Himmels über die karge Steppe dahin, die sich schier unendlich auszudehnen scheint...

Es ist kurz nach Mittag, die Sonne versucht den Wolken auf ihrer Wanderung den Weg zum Horizont abzuschneiden. Von ihrer Kraft wurde sie, schon der fortgeschrittenen Jahreszeit wegen, langsam verlassen. Die Luft ist angenehm warm und ein laues Lüftchen streicht Gesicht und durch das Haar. Ich laufe in Richtung Norden, denn dort hinten in der Ferne, in der Nähe der Berge, scheinen Bäume zu wachsen, die ich gegen Abend erreichen könnte.

Auf meinem Weg überholt mich, seine kümmerlichen Ärmchen als Blinker nutzend, ein Tyrannosaurus rex. Schnell springe ich zur Seite, denn aus Erfahrung weiß ich, daß sich Tyrannosauriden in der Regel sehr flegelhaft im Steppenverkehr benehmen. Ein paar Dromedare links von mir stecken rasch den Kopf in den Sand, wohl, damit der Tyrannosaurus sie nicht sieht. Mir ist zu Ohren gekommen, daß ihnen das ein alter Indianer glauben machte, ein Schelm sondergleichen, der alle Geschöpfe, sei es Mensch oder Tier, von den abstrusesten Ideen überzeugen kann. Es klingt verrückt, doch soll er über eine unglaubliche Überzeugungskraft verfügen. Der Tyrannosaurus weiß von dieser Geschichte und macht aus Selbstbelustigung nichts, was darauf hindeuten könne, daß er die Dromedare sehen würde.

Ich gehe weiter und auf einen Kaktus zu. Dort angekommen nehme ich den Telefonhörer ab, eine tolle Erfindung, dieses integrierte Steppenkaktustelefon. Die Bedienungsanweisung ist leider in Altgriechisch gehalten, doch aus der ägyptischen Hyroglyphen-übersetzung läßt sich erahnen, wie die Null und die Zifferntrennung zu handhaben sind. Ich muß an sovielen Stacheln schnippsen, wie es die einzelnen Zahlen der Telefonnummer vorgeben. Für die Null tippe ich zweimal auf eine stachelfreie Fläche. Um die nächste Zahl anzukündigen, brauche ich der Einfachheit halber nur einmal auf den Boden zu stampfen. Aaach, ich vergaß die Handschuhe überzuziehen, um vor den Stacheln geschützt zu sein. Also hänge ich den Hörer wieder auf und stampfe dreimal auf den Boden. Nochmal von vorn. Hörer ab, auf das Grunzen der Dromedare warten, denn diese sind die Stimme und Wächter des Telefons - in diesem Sinne hat der Tyrannosaurus schlechte Karten, da er nicht anrufen kann, weil die Dromedare Angst vor ihm haben, und deshalb auch keinen Mucks von sich geben, wenn sie den Kopf in den Sand stecken - sodann zweimal tippen, stampfen, einmal schnipsen, stampfen, siebenmal schnipsen, stampfen, zweimal fünfmal schnipsen und stampfen, einmal schnipsen, stampfen, sechsmal schnipsen, stampfen, neunmal schnipsen, stampfen, sechsmal schnipsen und schließlich zweimal neunmal schnipsen und einmal stampfen. Die Dromedare röhren im Chor. Das Freizeichen. Mir fällt ein, dass ich mich ja damit selbst anrufe. Bevor ich den Hörer wieder auflegen kann, erschüttert plötzlich ein unsägliches Brüllen die Stille!

Ein Apatosaurus ajax kommt zielgerichtet mit schäumenden Maul und blutunterlaufenden Augen auf das integrierte Steppenkaktustelefon und damit auch auf mich zugewankt. Ich lasse den Hörer fallen. Es scheint als wolle er das Telefon verschlingen. Ich rufe ihm zu, daß er das doch lieber lassen solle, derweil es das einzige Steppen-telefon weit und breit ist. Doch statt den Kaktus samt Telefon zu verschlingen, schnuppert er an mir, sodaß mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft. Er fixiert mich mit seinen böse funkelnden Pupillen. Wir sehen uns in die Augen. Hier fällt mir plötzlich Wilhelm Busch ein. Ich flüstere:
"Die Zwei die schauen sich ins Gesicht, der eine froh, der andere nicht."

Seine Zunge fährt kostend über meinen Körper. Glitschiger Speichel bedeckt mein Gesicht, daß ich mich vor lauter Ekel schütteln muß. Nein, er will mich fressen! Ich schlucke auf und der Apatosaurus grinst mich mit hinterhältiger Mine an. Um ihn zu erschrecken und abzulenken entfährt mir ein Schrei.
"Ufo!!!!" brülle ich, reiße den Arm hoch und zeige in den Himmel, schnappe mir das Fahrrad, das komischerweise am Kaktus lehnt, schwinge mich auf und trampele wie wild drauf los. Ein Blick zurück zeigt mir, daß das Monster gelangweilt gähnt, wahrscheinlich wegen meines anscheinend zwecklosen Fluchtversuches. Es hat sich nicht weiter täuschen lassen. Egal, ich muß auf Teufel komm raus versuchen, diesem Monster zu entfliehen. Schon spüre ich die Vibrationen seiner Schritte, sie werden heftiger und heftiger, kommen näher und näher. Ich höre seinen keuchenden Atem und kurz darauf nebelt mich ein fauliger Hauch ein. Er ist unmittelbar hinter mir. Ich kann gar nicht mehr schneller in die Pedalen treten, ich denke nichts, mein Überlebensinstinkt hat die Kontrolle über mich in die Hand genommen. Dann tritt er mein Hinterrad zu Brei. Mein Ende scheint gekommen. Ich stürze, rolle mich irgendwie ab, raffe mich schnell auf und trete ihm verzweifelt gegen sein Schienbein. Er schreit auf, läßt sich fallen und hält sich mit schmerzerfüllten Mine sein Bein und wimmert. Ich stehe verdutzt daneben, die Wut steigt in mir auf, bis sie schließlich den Mund erreicht hat und einer Sturmflut gleich herausbricht.
"Was'n nu, willst du mich veräppeln, du, du Wurm, du??!" entfährt es mir. Ich bin so wütend, geradezu außer mich, hatte ich doch erwartet, daß er sich nun noch wütender auf mich stürzen und mich zerfleischen würde, ganz so wie der Drache, der die goldenen Äpfel der Hesperiden bewachte. Was ist das für ein durchgedrehter, pflanzen-fressender Amokläufer von dreißig Tonnen Gewicht, der sich von einem nullkommanullachtsieben Tonnen leichten Menschen durch ein Tritt gegen das Schienbein außer Gefecht setzen läßt? So trete ich wie von Sinnen auf ihn ein und beschimpfe ihn.

Doch dann lasse ich von ihm ab, die Wogen der Wut sind halbwegs geglättet, ich habe mich wieder unter Kontrolle. Ich gehe zurück zum Kaktustelefon, hänge den Hörer auf und wende mich wieder gen Norden, den Bäumen zu. Mein Adrenalinspiegel ist noch so hoch, das ich eigentlich explodieren müsste. Der Tyrannosaurus von vorhin kommt vorbei, gratuliert mir, und meint, daß er es nicht besser hätte machen können. Er nimmt mich auf seinem Rücken und trägt mich zu den Bäumen. Während dieser Reise berichte ich von dem Ereignis und er erzählt mir, daß dieser Apatosaurus schon lange sein Unwesen treibt, und ich ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen habe. Außerdem fragt er mich, woher ich das mit dem Ufo wusste, da sich tatsächlich kurz nach meinem Schrei, der durch die ganze Steppe hallte, ein klingo-nischer Bird of Prey enttarnte. Das ist nun endgültig zu viel für mich an einem Tag, ich mache mir ein Nachtlager, verabschiede mich mit Handschlag vom Tyrannosaurus rex, und schlafe ein.

 
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