Ein Traum? - Der Geschichte zweiter Teil


Mein Geist erwacht, doch sind Lider und Körper viel zu träge um den neuen Tag aufspringend zu begrüßen. Es muss aber noch Nacht sein, denn kein Lichtstrahl dringt schimmernd durch die Lider, die Botschaft des Morgenlichtes dabei verkündend. Eigentlich ist sie mir auch egal, ich möchte lieber noch eine Weile schlafen. Aber mein Geist läßt nicht locker, er zwingt und drängelt mich geradezu, die Augen zu öffnen. Ich gebe nach und siehe da, es ist vollkommen dunkel, allerdings ganz ungewöhnlich dunkel, kein Dämmerlicht, keine Sterne aber auch keine Wolken, die einem den Blick auf die Sterne stehlen. Es ist wie in einer Höhle tief unter der Erde. Ich erinnere mich, daß man in der vollkommenen Dunkelheit sehr rasch den Gleichgewichtssinn verlieren kann. Zum Glück liege ich. Mein Gedanken strengen sich an, eine vernünftige Erklärung zu finden, doch sie bringen nur Gestammel hervor. So dämmere ich wieder ein, erreiche den Punkt, bei dem ich jegliches räumliches Gefühl verliere. Die Frage, wie der Körper in Relation zum Raum liegt, kann keine Antwort erwarten. Ein gutes Zeichen. Es bedeutet, daß der Schlaf bald von mir Besitz ergreifen wird.

Irgendwann später erwache ich aufs neue, diesmal richtig. Meine Augen öffnen sich und erblicken - nichts. Nichts, außer der vollkommenen Schwärze von vorhin. Diese Feststellung bringt mein Hirn auf Trab. Eiligst schüttet es Adrenalin in die Blutbahn, vielleicht um sich, unfähig, im Hormonrausch klar zu denken, nicht mit diesem eklatanten Problem auseinandersetzen zu müssen. Abrupt setze ich mich hin, doch gibt der Boden verwirrenderweise nach. Es scheint, als sitze ich in einem Schlauchboot. Ich lasse die Hand an der Außenseite des Bootes herabgleiten. Kein Wasser, nichts. Ich schwebe! Wie komme ich, verflucht noch eins, von einem Baum in ein Schlauchboot? Ich krame in meinen Erinnerungen. Gestern hab ich den Amok-Apatosaurus verprügelt, der mich zerfleischen wollte. Dann kam der Tyrannosaurus vorbei. Auf ihn ritt ich bis zu den Bäumen, die irgendwo bei den Bergen standen. Ich verabschiedete mich von ihm mit Handschlag, machte mir auf einem Baum ein Nachtlager und schlief dort auch ein. Wo bin ich demnach? Vielleicht ist noch jemand hier. Ich rufe:
"Huhu! Jemand zu Hause? Haallooooo!!" - keine Antwort, nicht einmal ein Echo. Ich warte vier Sekunden, bevor ich es erneut versuche.
"Gewürzgurken sind dunkelblau und Erdbeeren lilagelb!"- wieder nichts. Dann bin ich wohl allein, irgendwo im nichts.

Ich taste im Boot umher und finde unter anderem eine Taschenlampe, eine Thermoskanne mit warmen Früchtetee, einen Sonnen-schirm, einen lilafarbenen und einen orangenen Blumentopf mit roten Streifen. Außerdem scheine ich als Gallionsfigur einen lebenden Dodo am Bug sitzen zu haben! Bin ich einige hundert Jahre zurück in der Vergangenheit auf Mauritius in einer Höhle? Ich sehe eine Kamera, nehme sie, fokussiere den Dodo und betätige den Auslöser. Ein Blitz erhellt das Nichts. Der Dodo erschreckt sich und fällt laut kreischend und mit den Stummelflügeln um sich schlagend von der Stange. Ich hechte in der Hoffnung nach vorn, seinen Fall aufhalten zu können. Ich möchte nicht wegen eines Fotos den vielleicht letzten Dodo auf dem Gewissen haben. Das Kreischen hört nicht auf. Sicherlich steht er Todesängste aus. Als ich Sekundenbruchteile später den Bug erreiche und nach unten schaue, schwebt er mit dem Bauch nach oben nur ein paar Zentimeter unter dem Schlauchboot und zappelt mit Beinen und Stummelflügeln wie wild umher. Dann hört er mit schreien auf und schnattert aufgeregt vor sich hin. Es ist ihm wohl aufgegangen, daß er noch lebt. Ich strecke meine Hand nach ihm aus und packe ihn vorsichtig an den Beinen. Nachdem ich ihn hochgezogen habe, entschuldige mich reuevoll und gieße ihm zur Beruhigung etwas Tee ein, den er genüßlich schnabbelt. Trotzdem gurrt er mich vorwurfsvoll an, der Schrecken steckt ihm sichtlich in den Knochen.
‚HUUUUHUUUUUU!! JEEMAND ZUU HAUSEE? HAAAAA-LLLlLOOOOOOOOO'
Das Echo! Unerhört laut schlägt und prasselt es auf mich ein. Mir ist, als sei ich mit blauen Flecken übersät. Der ganze Körper vibriert. Ich greife nach den beiden Blumentöpfen, stülpe den lilalen über das rechte, den orangenen über das linke Ohr. Der Dodo erschreckt sich zum zweiten Mal zu Tode, zwängt sich in die Thermoskanne, daß der Tee herausschwappt, und.schraubt den Verschluß von innen zu. Ich denke noch ‚Mein armer Tee!' als das Echo erneut auf mich niederstürzt. Diesmal noch lauter.
‚GEWÜRZGURKEN SIND DUNKELBLAU UND ERDBEEREN HUUUUHUUUU-LILA-JEMANDGELB...'
Hätte ich bloß nicht den Gewürzgurkenspruch gemacht, ich Nase! Sieben mal stürmen die Echos heran, versuchen meinen Kopf zum Bersten zu bringen, bis sie sich gegenseitig auszulöschen scheinen. Der Krach ist vorbei. Mir einem Plopp nehme ich die Blumentöpfe vom Ohr.
"Kannst wieder rauskommen" rufe ich in Richtung Thermoskanne " es ist vorb.."
Ohh, nein! Ich Idiot! Ich Hanswurst! Das Echo! Ich darf hier nicht laut sein! Meine Hand verbietet mir klatschend auf und den Mund. Der Dodo rührt sich nicht, er wird sich wohl hüten. Ich greife wieder zu den Blumentöpfen, setzte sie enttäuschter Mine über mich selbst auf die Ohren. Es dauert nicht lange und das Echo schlägt wieder zu.
‚KANNST WIIEEDERR RAUS-KOOMMEEEN ES IST VORB…'
Wieder sieben Mal braust es einer Brandung gleich über mich hinweg.
Als kein Echo mehr zu hören ist, entferne ich wieder die Blumentöpfe. Der lila Topf hat sich aber besser zur Schallabwehr geeignet' rekapituliere ich das Geschehene in Gedanken. Der Dodo öffnet die Thermoskanne, zwängt sich triefnass vom Tee aus ihr heraus. Er sieht mich an und schüttelt in einer Weise den Kopf, die zu bedeuten scheint:
‚Du bist `ne Knalltüte. Lass dich bloß einbuddeln!'.
Meine Antwort ist der Wurf eines bereuenden und einsichtvollen Blickes sowie eines Handtuches in seine Richtung.
Ich nehme ein Ruder und paddele gedankenverloren los. Immer dem Schein der Lampe nach, die sich anstrengt, den Raum vor uns eine Spur greifbarer Realität zu verleihen. Meine Gedanken umkreisen sich einander darüber, warum der Dodo nur ein paar Zentimeter ins Nichts gefallen ist und warum das Echo so laut war. Ich bin gerade einen knappen Meter voran gekommen, als etwas, einem dicken Spinnfaden gleich, über mein Gesicht streicht. Ein Schreck fährt mir, begleitet von Ekel, durch die Glieder. Instinktiv zucke ich schnell den Kopf beiseite. Der Faden scheint aber nicht belebt zu sein, er hängt einfach nur da. Eigenartig. Ich paddele zurück. Der Faden taucht auf meiner linken Seite wieder auf. Eigentlich sieht er mehr nach einer Schnur aus, statt nach einem Faden. Auf der anderen Seite hängt keine Schnur, oder doch? Ja, dort ist so etwas, aber es hängt nicht herunter, es scheint eher nach unten heraufzuhängen.
Ich versuche mir einen Reim aus der Situation zu machen. Der Dodo macht indes keine Anstalten über dieses Problem ernsthaft nachzudenken. Ich denke flüsternd:
"Sag mal, warum hängt die eine Schnur so, die andere aber anders-rum?!".
Ich erwarte natürlich keine Antwort, außer ein Gurren, doch er antwortet mir in einem leicht französischen Dialekt.
"Ast Dü schon mal daran gedacht, daß wir üns im Masseschwerpünkt dieses Raums befinden, der züdem noch eine Kügel zü sein scheint?!".
"Was???"
Der Dodo kann sprechen?
‚Ohh, wo bin ich nur hingekommen!'
Ich ringe ungläubig mit dem Gedanken, einem sprechenden Dodo gegenüberzusitzen. Es bringt nichts, ich muß mich damit abfinden.
"Mhhh, das ist eine gute Idee." entgegne ich erstaunt auf seinem ausgesprochen interessanten Vorschlag.
"Zieh doch mal an den Schnüren! Mal sehen was passiert. Ich ätte es ja schon längst getan, doch kann isch ja niesch fliegen."
"Was denkst du, was passieren wird?" frage ich und strecke meine Hand nach der linken Schnur aus.
"Weiß niesch" antwortet er " vielleisch geht ja das Lischt an."
Er grinst mich an.
"Ho,ho!" mache ich.
Und es ward Licht - wenn auch nur ein entferntes, schwaches Leuchten schräg über uns. Ein freudiges, erleichterndes Gefühl erfüllt mich. Der Raum wirkt nun nicht mehr leer und unendlich finster. Schnell ziehe ich die Schnur auf der rechten Seiten einmal nach oben.

Doch anstatt das erneut eine Lampe zu glimmen beginnt, gerät das Schlauchboot in einem Strudel aus Nichts. Ich halte mich so gut es geht an den Tragschlaufen fest. Der Dodo kauert sich vorn zwischen die angezurrten Gepäckstücke zusammen und versucht sich mit Schnabel und Füßen festzuhalten. Das Boot dreht sich schneller und schneller. Ich habe große Mühe nicht aus dem Boot geschleudert zu werden. Übelkeit steigt in mir auf. Ich halte es kaum noch aus. Verzweifelt krallen sich meine Finger um die Schlaufen. Dann herrscht auf einmal Ruhe. Das Schlauchboot schwimmt auf einer grauen Masse, die in sanften Wellen hin und her schaukelt. Mehr kann mein Hirn nicht verarbeiten, denn mir dreht der Kopf, als ob ich zwei Stunden lang im Zentrifugalbeschleuniger von Baikonur gesessen hätte. Ich falle kopfüber ins Boot.

Nach einer Weile raffe ich mich auf. Mein Hirn scheint sich entknotet zu haben, der Gleich-gewichtssinn, der sich wohl aus Angst in der hintersten Ecke verkrochen hatte, funktioniert wieder einigermaßen. Der Dodo taumelt wie in Trance durch das Boot, stolpert, springt auf den Bootsrand und fliegt weg. Er ruft mir noch ein "Lebe wohl." zu. Ich winke und schaue ihm verwundert nach. Nicht weit von meiner Position schwappt das graue Staubmeer an das graue, staubige Ufer. Eine Stellersche Seekuh rekelt sich in der Sonne, ein Quagga geht auf sie zu und beknabbert ihr Fell. Ein Beutelwolf kommt hinter den Dünen hervor und gesellt sich zu den beiden, stellt eine Kanne Kaffee vor sich hin und schenkt jedem eine Tasse ein. Der Dodo hat inzwischen die Gruppe erreicht. Er wird freundlich empfangen. Natürlich bekommt auch er eine Tasse Kaffee. Er holt eine Packung Kekse, meine Kekse, aus seinem Gefieder. Er sieht, daß ich den Diebstahl bemerkt habe und zuckt unschuldig mit den Flügel. Ich entschließe mich, es ihm nicht weiter übel zu nehmen und steuere auf eine grüne, dickbauchige Boje zu. Auf ihr findet sich ein matt metallisch glänzendes Schild. "Mare Tranquillitatis" steht dort geschrieben. Ich bin also im Meer der Ruhe auf dem Mond. Auf der Boje ist noch ein Stab angebracht, auf dem allerlei Wegweiser zu finden sind, Mare Nectaris gleich um die Ecke, lese ich. Ich halte prüfend die Nase in die Mondluft. Da ist er, der Duft von süßem Honig.

Aus einem Lautsprecher der Boje dringt Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Entspannt paddele ich durch das Sandmeer in Richtung Honig. Passend dazu geht am Horizont die Erde auf.

Ich drehe mich zu den picknickenden Gestalten um. Komisch, daß es diese Tiere hier auf dem Mond gibt. Vielleicht ist es ihre letzte Zufluchtstätte, nachdem sie ausgerottet wurden. Vielleicht fliegt ja noch eine Wandertaube vorbei. Ist das eine, die dort auf mich zufliegt? Ja, es scheint so. Doch was ist das für ein eigenartiger Kopf, der da auf mich zuschwimmt? Die Wandertaube gurrt mir etwas zu.
"Gurrrr. Beeil Dich -gurrr- im Honig kann er nicht schwimmen- gurrr."
Er? Ich sehe genauer hin.
"Oh, oh! Der amoklaufende Apatosaurus!" Was macht der denn hier? Ich paddele wie wild drauf los. Ich lasse mir nicht noch mal mein Gefährt kaputt machen und mich beinahe fressen! Der Geruch von Honig wird immer stärker. Ich kann schon den Honig sehen, nur noch 20 Meter. Der Apatosaurus? Nur noch 13 Meter. 10, 8 Meter. Mare Nectaris 10, 9 Meter. Ich gebe mein letztes, hole alles aus meinen Armen heraus. Wieder dieser faulige Atem. Mein Herz rast wie verrückt, die Nackenhaare sträuben sich. Ich drehe mich nicht mehr um. Ich muss bis zum Honig durchhalten, bevor er mich einholt. Sieg! Geschafft. Ich habe die Grenze zum Honigmeer erreicht. Ich drehe mich zu meinem Verfolger um. Seine bösen Augen starren mich wütend an. Ein, zwei Sekunden noch und ich wäre ihm zum Opfer gefallen. Nun aber ruft er laut enttäuscht:
"Ach menno, ich hab keine Lust mehr!!"
Der Apatosaurus verschwindet in Richtung Horizont, steigt an das Ufer und fliegt mit rotierendem Hals und Schwanz davon.
Von der Bedrohung endlich befreit paddele ich zur nächsten Boje, packe meine Brötchen aus, genieße sie mit Vivaldi im Hintergrund, köstlichem Honig und komisch schmeckenden Früchtetee.

 
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